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22. Hilfsgütertransport - abgeschlossen29.07. bis 07.08.10
Erste Eindrücke der Tour (Bericht folgt)
Verabschiedung am 29.07.10, Hof Spedition Klasen, Gerolstein
Unterwegs in Polen - Richtung Weißrussland
Warten auf den Konvoi durch Weißrussland
Noch 38 km bis zum Ziel
Abladen an der Seniorenheim Demidow
Abladen am Kinderheim Titowschina
Abladen an der Sozialstation Rudnja
Abladen an der Sozialstation Schumjatschi
Essenseinladung am Badesee
Besuch an der Akademie in Smolensk
Empfang in Lissingen am 07.08.10
Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen Spendern und Helfern, die uns tatkräftig unterstützt haben, recht herzlich bedanken.
21. HilfsgütertransportDer 21. Hilfsgütertransport in das Gebiet Smolensk / Russland ist abgeschlossen. 3 LKWs und ein Begleitfahrzeug haben am 09.04.09 den Weg nach Russland angetreten und sind am 19.04.09 wieder wohlbehalten in Lissingen angekommen.
Eindrücke der Tour
Verabschiedung auf dem Hof der Spedition Klasen in Gerolstein Segnung durch Pastor Schramm
Ein Teil der Mannschaft Mitfahrer: Den Einkauf in Moskau führten Heinz Scholzen und Gottlieb Welsch durch.
Abladen in Zhukowski
Abladen an der Sozialstation Rudnja Im Hintergrund sind die Lebensmittel zu sehen, die bereits einige Tage vorher angeliefert wurden.
Ladung für das Kinderheim in Titowschina
Zimmerbelegung im Seniorenheim Demidow
Abladen am Schulinternat Jarzewo
Verteilung der Osterpakete und Süßigkeiten in Jarzewo
Abladen in Duchowschina
Beliefert wurden: Die Ladung setzte sich zusammen aus:
20. Hilfsgütertransport
20. Hilfsgütertransport nach Smolensk vom 04.10.-14.10.07 Eindrücke und Erinnerungen Am Donnerstag, den 04.10.07 um 9:30 Uhr wird der 20. Hilfsgütertransport unter der Beteiligung vieler Freunde, Bekannte und Mitstreiter von Pastor Günter Schramm gesegnet und von Bürgermeister Matthias Pauly verabschiedet.
Um 10:15 Uhr starten Alfred Cornesse, Ewald Hoffmann, Johann Weisenburger, Rainer Dienhart, Michael Bleses, Anton-Josef Klasen, Gerd Jaeger und Marlene Haas (von links nach rechts) mit drei voll geladenen Fahrzeugen zum 20. Hilfsgütertransport ins Gebiet Smolensk/Russland. Die ca. 1.500 km quer durch Deutschland und Polen bis hin zur Grenze nach Weißrussland bei Brest verlaufen reibungslos und werden von uns in einer Fahrzeit von 31 Stunden bewältigt. Am Freitag, den 05.10.07
gegen 17:15 Uhr MEZ erreichen wir die Zollstation Kukuriky. Mit Verwunderung
finden wir einen fast leeren Zollhof vor. Dort, wo normalerweise 500 - 600 LKWs
auf die Abfertigung warten,
können wir gerade Auf jeden Fall ist die Zollabfertigung, auf polnischer Seite 1,5 Stunden und am weißrussischen Zoll 9 Stunden für die letzten zehn Jahre der absolute Rekord. Auf der Fahrt durch Weißrussland werden wir im Konvoi von der Straßenpolizei begleitet. In ca. 9 Stunden erreichen wir die etwa 600 km entfernte Grenze Weißrussland/Russland in Grasny Gorka. An der Grenze folgen wieder die üblichen Zollformalitäten, die gegen 2:00 Uhr am Sonntag morgen erledigt sind. Der nächste Konvoi mit Polizeischutz zum Zollhof Smolensk soll aber angeblich erst gegen 10 Uhr morgens starten. Für uns wird es eine unbequeme Nacht im engen VW-Bus bei lausigem Wetter. Nachdem morgens klar ist, dass kein Konvoi zusammengestellt werden kann, wird uns die Weiterfahrt - ausgestattet mit allen erforderlichen Papieren - genehmigt. Sonntag Mittag Punkt 12 Uhr Ortszeit erreichen wir den Zollhof in Smolensk.
Montag, 08.10.07 Für 9 Uhr ist ein Termin zusammen mit allen Empfängern (Krankenhaus, Kinderheime, Seniorenheime und Sozialstationen) im Zollamt angesetzt. Die üblichen und uns schon bekannten Zollformalitäten beginnen. Wir stellen zu unserer Freude fest, dass alles sehr gut vorbereitet ist, so dass gegen 14 Uhr bereits alle Formalitäten erledigt sind. Zu unserem Erstaunen wird uns vom Zollamt eröffnet, dass wir aufgrund unserer langjährigen und korrekten Arbeit das volle Vertrauen genießen und ohne Zollaufsicht unsere Einrichtungen beliefern dürfen, was eine absolute Ausnahme ist. Gegen 14 Uhr starten unsere LKWs, ausgestattet mit sämtlichen Vollmachten, in verschiedene Richtungen. Gottlieb, Gerd und Alfred fahren in den ca. 110 km südlich von Smolensk gelegenen Ort Glinka. Dort beliefern sie das ansässige Gebietskrankenhaus und ein Kinderheim.
Außerdem überreichen die Drei dem Chefarzt des Krankenhauses
3.000 Euro für eine Waschmaschine, Johann, Anton, Rainer, Michael und Ewald fahren zur Sozialstation Rudnja und von dort aus zum Seniorenheim nach Demidow.
Marlene und Heinz reagieren an diesem Tag auf einen kürzlich eingegangenen Hilferuf des Schulinternates Jarzewo: Zwei Tage vor der Abfahrt aus Deutschland hatten wir von der Heimleitung einen Anruf erhalten; man sagte uns, dass die Versorgung mit Lebensmitteln sich in den letzten Wochen erheblich verschlechtert hätte; die Lebenshaltungskosten seinen in den letzten Wochen in Russland um 30-40 % gestiegen. Darum fahren die Beiden an diesem Tag mit der Leitung des Schulinternates Jarzewo zum Großmarkt und kaufen für 2.500 Euro Lebensmittel ein.
Nach getaner Arbeit treffen dann alle am Dienstag Morgen 2 Uhr wieder im Hotel ein.
Dienstag, 09.10.07 Das Amt für Soziales hat uns alle für Dienstag Nachmittag zu einem Essen in einem etwa 100 km südlich von Smolensk gelegenen Kinderfreizeit-Sanatorium eingeladen. Für den Vormittag vereinbaren wir mit der Feuerwehr ein Termin für 9:30 Uhr. Hierbei übergibt Heinz Scholzen eine von den Freiwilligen Feuerwehren Lissingen, Hinterhausen, Oos und Büdesheim und zwei weiteren Gönnern gespendete Motorsäge. Außerdem bedanken wir uns bei der Feuerwehr Smolensk für die große Unterstützung, die uns immer wieder gewährt wird (Abstellen und Bewachen unserer Fahrzeuge und die Bereitstellung ihrer Fahrzeuge für uns). Für 11 Uhr ist ein Termin mit der Humanistischen Universität Smolensk aus Anlass ihres 15-jährigen Bestehens angesetzt. Wir werden hier herzlichst empfangen und uns wird der große Dank für unsere Tätigkeiten ausgesprochen und beteuert, dass Feuerwehr und Uni uns uneingeschränkt unterstützen würden.
Anton, Rainer und Johann verteilen in der Zwischenzeit die Privatpakete und die Pakete für das Gebietskrankenhaus auf dem Gelände der Feuerwehr Smolensk. Um 14 Uhr werden wir vom Sozialamt im Hotel abgeholt. Man bringt uns zum Kinderfreizeit-Sanatorium und zeigt uns diese sehr saubere, großzügig in schöner Landschaft gelegene Einrichtung. Hier werden Kinder jeweils für drei Wochen unterrichtet und können sich in dem sehr schön angelegten Gelände erholen. Danach wird in geselliger Runde bei russischen Spezialitäten die weitere Zusammenarbeit mit eifellicht e.v. besprochen.
Mittwoch, 10.10.07 An diesem Tag machen wir uns morgens auf zur Sozialstation Duchowschina, die ca. 120 km nordöstlich von Smolensk gelegen ist. Da man mit unseren LKWs die Sozialstation nicht direkt anfahren kann, müssen wir die Sachspenden ca. 150 Meter zum Gebäude tragen, was bei ca. 500 Kartons, Fahrrädern, Rollstühlen und allem anderen sehr mühselig ist. Dank der vielen freiwilligen Helfer können wir aber auch das schnell und problemlos erledigen. Nach einem kurzen Imbiss und einigen freundlichen Worten geht es dann zum Schulinternat in Jarzewo, wo die Kinder uns wieder an der Autobahn erwarten und sich auf ihre Pakete freuen. Nach dem wir abgeladen haben und die Freundschaftspakete verteilt sind, werden wir gebeten, doch auch in den nächsten Jahren wieder zu kommen.
Als wir gegen 22 Uhr im Hotel ankommen, geht für uns alle wieder ein langer Tag zu Ende.
Donnerstag, 11.10.07 Der Vormittag steht uns zur freien Verfügung und viele Kleinigkeiten müssen noch erledigt werden. Ein privater Verein für Suchtkrankenhilfe hat bereits samstags mit Gottlieb Kontakt aufgenommen und um ein Gespräch gebeten. Für 10 Uhr ist ein Termin im Hotel vereinbart. Der Pfarrer der evangelischen Gemeinde, ein Herr und eine Dame stellen uns ihre Arbeit vor. Der Verein, dem es an Allem fehlt, wird staatlich nicht unterstützt. Sie bitten uns, auch ihnen in Zukunft zu helfen. Mittags treffen wir uns mit Natascha zum Mittagessen. Danach ist auschecken aus dem Hotel angesagt. Gegen 16 Uhr treffen wir auf dem Feuerwehrhof ein und machen unsere Fahrzeuge zur Heimreise fertig. Freunde und Bekannte finden sich zum ‚Doswidanje’ ein. Gegen 17 Uhr verlässt unser Konvoi dann wieder Smolensk in Fahrtrichtung Eifel. Die Heimreise gestaltet sich bis zur Grenze in Brest (Weißrussland/Polen) sehr gut. Dort müssen wir jedoch feststellen, dass uns ein Stempel der Straßenpolizei am Grenzübergang Grasny Gorka (Russland/Weißrussland) fehlt. Nach langem Verhandeln wird klar, dass wir mit dem VW-Bus zurück fahren müssen, um diesen Stempel zu besorgen. Fahrtstrecke in eine Richtung: 603 km. Obwohl wir es in gut 12 Stunden schaffen, die 1206 km zu fahren und den Stempel zu besorgen, ist ein ganzer Tag verloren. Da wir eifellichter solche Situationen aber schon gewohnt sind, wird alles mit Humor gemeistert und wir kommen am Sonntag, den 14.10.07 wieder gesund in der Eifel an.
Zusammenfassend ist zu sagen: Anstrengend aber sehr erfolgreich!
Unsere Hilfe in dieser Form wird immer noch dringend benötigt und wir werden sehr darum gebeten, weiter zu machen. Die Mitfahrer meisterten alle Herausforderungen wie gewohnt wieder mit Bravour, in besonderer Weise die Dolmetscher Johann und Gottlieb.
Termine 1991 bis 2009
Mitfahrer seit 1991
Betreute Heime
Vorbereitungen
Für die Vorbereitungen einer solchen Fahrt sind mindestens vier Monate erforderlich. Es gilt einen Berg an Bürokratismus abzuarbeiten, der nur im Team und unter der Mithilfe vieler fleißiger Hände möglich ist. Alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich mit und sogar die LKWs werden kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auch Verpflegung und Unterkunft werden aus eigener Tasche bezahlt. Denn nur so kann sicher gestellt werden, dass sämtlich eingenommene Spenden den Heimbewohnern in Russland zugute kommen.
Verabschiedung
Die Verabschiedung wird immer von einem Pfarrer begleitet, so dass Fahrzeuge und Fahrer den Weg mit Gottes Segen angehen können. Pfarrer Koniecny aus Büdesheim, der seit seiner Pensionierung in Bonn lebt, ließ es sich bisher nicht nehmen, zur Verabschiedung nach Gerolstein zu kommen - trotz seines beachtlichen Alters. Sein „besonderes (Weih-)Wasser“ hat den Transport immer wieder gut zurück nach Hause gebracht.
Fahrstrecke
Die Strecke ist sehr beschwerlich. Sie führt von Gerolstein über Köln, Hannover, Berlin, Frankfurt/Oder, Schwiebus, Pinne, Posen, Kutno, Warschau, Siedlce, Kukuriky, Brest, Baranovici, Minsk, Birosow, Orsa, Krasnoe nach Smolensk. Es sind insgesamt ca. 2350 km zurückzulegen, bis Smolensk erreicht ist. Für die Hinfahrt, das Abladen und die Rückfahrt stehen der Crew 10 Tage zur Verfügung.
Russland zwischen Zerfall und Neuanfang
eifellicht e.v. im Land der Zwiebeltürme und Zuckerbäckerarchitektur Die Straßen
haben bedenkliche Schlaglöcher. Gas geben oder bremsen – diese Frage
beschäftigt ständig unsere LKW-Fahrer auf dem Weg nach Smolensk in Russland.
Keine Notrufsäulen, keine Leitplanken, keine weißen Leitlinien. Telefone, die
man nur mit viel Glück findet und funktionieren. Wir haben ständig das
Gefühl, uns für jede Minute, die die LKWs nicht vom Weg abkommen, bedanken zu
müssen. Dem Land, das wir besuchen, geht es nicht viel besser. Der Kontrast auf
den Autobahnen könnte nicht größer sein, um die Situation so zu schildern.
Mercedes, MAN, 40-Tonner in modernster Ausführung, ausgestattet mit EPS und
weiterer hochmoderner Elektronik, Telefone, Schlafkabinen und Standheizung auf
der einen Seite, Babuschkas mit Pferdewagen, Holzhandkarren, beladen mit etwas
Heu, ein paar Sack Kartoffeln und ein paar Eimer selbstgepflückter Beeren auf
der anderen Seite. Die Menschen hier und auf dem Land verstehen diese Welt nicht
mehr. Marlboro, Pall Mall, Handys die neuen Statussymbole. Aber für die
Menschen sind Kartoffeln wichtiger als die neue Demokratie. Die Stadt Smolensk – sie zählt heute ca. 350.000 Einwohner – erkennt man von weitem an der imposanten 5-kuppeligen Uspenski-Kathedrale. Es ist wie immer, wenn man länger von Smolensk abwesend gewesen ist – und wir waren zuletzt vor einem Jahr dort. Es stellt sich, nach allem was berichtet wurde, die Unsicherheit ein, ob es die Stadt, die man kennt, überhaupt noch gibt. Es gibt diese Stadt noch und es ist wie immer. Keine Katastrophenstimmung, Panik oder Hysterie. Busse und Bahnen fahren wie immer, ein Wirrwarr von Menschen auf den Straßen. Der Lärm und die russische Fahrweise auf den Straße lässt einen wie immer erschaudern. Man versucht die Straßen sauber zu halten, im letzten Jahr hat es sogar nach Moskauer Vorbild einen Wettbewerb um den besten Smolensker Hausmeister gegeben. Auf den großen
Bazaren für Bekleidung und Lebensmittel auf dem Smolensker Markt herrscht nach
der August-Flaute von 1998 - die der Rubel- und Dollarschock ausgelöst hat -
weniger Gedränge. Die Stunde der russischen Babuschkas ist angebrochen. Sie
stehen an, schleppen die Äpfel und Kartoffeln aus den Datschen und handeln mit
Plastiktüten. Kleine Karawanen mit Waren aus Weißrussland strömen auf den
Markt und verstopfen die Wir blicken immer voller Sorge auf diese Stadt, auf unsere Heimkinder und Heimbewohner in diesem Gebiet. Ein unermesslich reiches Land, das fest im Griff einer wirtschaftlichen und politischen Dauerkrise zu stecken scheint. Spätestens nach unserer Einfahrt in die Stadt fangen wir an, uns zu wundern, wieso hier überhaupt noch irgend etwas funktioniert. Die meisten Menschen bekommen ihre Löhne verspätet oder überhaupt nicht, es gibt keine Aussicht auf Besserung und nichts, woran man sich halten kann. Allein das Heute bleibt, weil es nun nicht wegzuleugnen ist. Morgen sieht sowieso wieder alles ganz anders aus. Die Busse fahren trotzdem pünktlich, das Wasser kommt wieder aus den Leitungen, die Heizung funktioniert und das Licht brennt noch. Das haben wir von unseren Bekannten und Dolmetschern aus Smolensk schon mehrmals gehört. „Ihr lebt schön ruhig in Eurem Westeuropa. Aber lebt Ihr denn überhaupt richtig mit Euren Ab- und Versicherungen. Langweilt Ihr Euch nicht zu Tode?“ fragen sie. Ja, es mag ein bisschen öde sein hier im Westen und viel weniger intensiv. Andererseits ist es ganz schön, jeden Tag aufzuwachen und zu wissen, meine Bank und mein Geld auf meinem Konto gibt es noch und wird es auch morgen noch geben. Es ist unwahrscheinlich, dass wir unsere Taxifahrten nächste Woche in einer anderen Währung zahlen und den Fahrer mit Zigaretten aufheitern müssen.
Stecklinge und Samenkörner in kleinen Döschen und Dosen untergebracht stehen überall in der Wohnung unserer Dolmetscherin. Sie verkörpern ihre Lebensweise und deuten darauf hin, dass sie ohne ihre tägliche Arbeit auf der Datsche nicht leben kann. Sie ist Akademikerin, arbeitet an der humanistischen Universität in Smolensk und unterrichtet Deutsch. Trotzdem muss sie ihr ganzes Leben auf ihrer Datsche arbeiten, um mit ihrer Familie überleben zu können. Die einzigen, für die Heute und Morgen immer gleich schlecht geblieben ist, sind unsere Heimbewohner aus Jarzewo, aus Drjuzk, aus Grasny Bor, aus Camaljubowo und aus Smolensk. Alleinstehende, Vollwaisen, Alkoholiker, Kinder - deren Eltern man das Erziehungsrecht von Staats wegen entzogen hat - , ehemalige Strafgefangene und Kriegsveteranen sind die Bewohner unserer Heime, die wir seit Jahren mit Lebensmitteln und Bekleidung unterstützen. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Der reiche Riese Russland, ein Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ über das faschistische Deutschland und dann dies. Warum macht Ihr das? Warum fahrt Ihr 2300 km um uns zu helfen? Witali Sergejewitsch ist einer von ihnen. Er lebt, seitdem er vor zwei Jahren seine Frau verlor, in diesem Seniorenheim. Er erzählt uns mit Überzeugung, wie er als Kommandeur 1945 mit seinen Truppen bei der Eroberung Berlins dabei und später in Stendal stationiert war. Kurze Zeit später zieht Witali seine mit Orden behangene Jacke voller Stolz an und lässt sich mit uns fotografieren. Die anderen Bewohner kümmert es nicht, sie interessieren sich mehr für unsere Autos und für unsere Ladung. Im Dorf Camaljubowo, unweit von Smolensk, erzählt uns eine Babuschka, nachdem wir sie gefragt haben, wer denn in Moskau an der Regierung sei, dass es sie nicht interessiere, wer an der Regierung ist und im übrigen wüsste sie es auch nicht. Auch auf den Hinweis, dass der kranke Regierungschef Jelzin vom KGB-Mann Putin abgelöst wurde sagt sie uns mit einer abwertenden Handbewegung, dass es viel wichtiger ist, dass ihr Schwein Jelena nicht erkranke. So ist es überall in diesem Land. Jeder tut, was er eben tun kann und dabei folgt jeder seinem ganz persönlichen Krisenprogramm und nicht dem der Regierung. Die oft schamlose Zurschaustellung eines grenzenlosen Reichtums der „neuen Russen“ lässt die schäbige Armut in den Heimen noch deutlicher werden. Zukunft für die Kinder heißt, ein ständiges Leben in den Heimen zu verbringen und in Armut leben zu müssen. Es wird für sie kein Leben in Normalität geben. Ludwig Hahn
Das Heim der Vergessenen
eifellicht auf dem Weg nach Drjuzk Ein Bericht von Ludwig Hahn Vielleicht muss man die Geschichte von Drjuzk, dem kleinen, versteckten Dörfchen im Smolensker Gebiet als schlechtes Märchen erzählen. Es handelt von einem Seniorenheim, dass selbst unter russischen Verhältnissen als vereinsamt und trostlos gilt und mit einer schäbigen Armut behaftet ist. „Es muss etwas geschehen, denn es fehlt an Allem. An Medikamenten, an Kleidung, an Ersatzteilen für technische Geräte, an Heizöl, an Strom. Was kaputt geht, bleibt kaputt“, sagt Anatoly Dmitrijewitsch Kratow, der Direktor des Heimes. Ich erkenne unser Heim von weitem, an der mit leichtem Grünschatten behafteten Außenwand. Nässe, die bis zum Dachgiebel gezogen ist. Es ist in Drjuzk wie immer: Jedes Schlagloch ist an seinem Platz und doch ist etwas anders als sonst: sie sind tiefer und größer geworden. Ein hässliches, kratzendes und knackendes Geräusch entsteht beim Durchfahren der Schlaglöcher mit unserem Wohnmobil. Das Ausweichen funktioniert nicht, da sich beim Umfahren das andere Rad bereits in das nächste Schlagloch eingebohrt hat. Im Inneren des Wohnmobils haben zwei unserer Mitfahrer begonnen festzuhalten, was festzuhalten möglich ist. Ein Aufstand der Tassen und Teller. Die LKWs mit ihren ca. 25 Tonnen Hilfsgütern schwanken mit entgegengesetztem Rhythmus hin und her wie auf einer Teststrecke für Geländefahrzeuge. Aber niemand von uns findet das abenteuerlich oder besonders aufregend. Seit Tagen sind wir daran gewöhnt. Die Menschen vor dem Heim starren uns an. Kaum jemand spricht. Selbst diejenigen, die wartend in Gruppen zusammen stehen, bleiben still. Die Teilnahmslosigkeit und die Trägheit lassen eine gespensterhafte Situation entstehen. Die Männer tragen verschlissene, schmutzige Kleidung. Die Frauen mit ihren Kopftüchern und ihrer grauen Kleidung wirken alt und abgearbeitet, obwohl bei näherer Betrachtung das jüngere Alter sichtbar wird. Ein altes Gebäude, der Putz bröckelt, ein schäbiges Aussehen, mit hohen dunklen Fluren, erinnert ein bisschen an ein Lazarett aus dem ersten Weltkrieg, deren Fensterscheiben gesplittert sind. An den Fenstersimsen lehnen sich ältere Menschen. Die Heimbewohner wohnen in Zwei– bis hin zu Zehn-Bett-Zimmern. Eng, mit Wänden, die mit Lackfarben abwaschbar gestrichen sind. 89 Jahre ist sie alt, Olga, eine der 160 Heimbewohner. Sie ist seit zwanzig Jahren in Drjuzk. Eine kleine Babuschka, gewickelt in eine viel zu große Strickjacke und einen weiten Rock. Ein Kopftuch umrahmt das mit Falten durchzogene Gesicht. Auf zitternden Füßen lehnt sie an der Wand, sie weint leise, legt die Hände um ihr Gesicht. Sie hat alles verloren erzählt sie uns - ohne daraus einen Vorwurf erkennen zu können. Ihren Mann und ihre Geschwister, getötet im Krieg, gestorben auf der Flucht. Irma Petrowna zuckt mit den Schultern kurz und mürrisch, sogar etwas abweisend und voller Hoffnungslosigkeit, als sie von unserer Dolmetscherin Natascha Romanova gefragt wird, wie sie sich denn fühlt. „Was bleibt mir anderes übrig“, sagt sie, „ich muss mich hier wohl fühlen. Ich habe keinen anderen Platz. Ich warte hier um zu sterben. Eto Rossija.“ Das ist Russland, sagt sie und hebt die Schultern gen Himmel ... ein sterbendes Heim. Wir besuchen das Nebenhaus, das wohl mehr an ein scheunenartiges Gebilde erinnert. Hier in den düsteren Räumen, mit den schmalen Fenstern, durch die nur spärlich das Licht dringt, wo die Luft von vielen Gerüchen gesättigt ist und wie ein Betäubungsmittel wirkt, liegen die, die sich ohne Hilfe selber nicht helfen können. Die Luft ist verbraucht, ein süßer Geruch von Urin, Schweiß und die nicht regelbare Fernwärme hat sich in dem Raum verbreitet. Der Ekel, der einem beim Betreten aufkommt, der einem den Atem raubt, kann man nicht überwinden, man muss ihn ertragen oder fluchtartig den Raum verlassen. Unter den Laken ragen abgemagerte Körper und wächserne Füße von Sterbenden hervor. Es ist für uns, als bräche der Boden weg, überall und überall zur gleichen Zeit. Die traurigen, von Schmerzen gezeichneten Gesichter mit den leeren Blicken, hinterlassen ein Gefühl, als habe einem jemand in den Magen getreten. Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit werden für uns sichtbar. Drjuzk, das Heim der Vergessenen, ein schlechtes Märchen.
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